Hospital im Mittelalter

Hospital zu Jerusalem- Wie geht das?

Wir berichten auf dieser Homepage oft von dem Hospital zu Jerusalem, welches ja dem Orden auch seinen Namen gegeben hat: Die Hospitaliter.

Doch wie müssen wir uns ein solches Hospital vorstellen? Wir wissen, daß wir wenn wir in unserer heutigen Zeit erkranken, vom Rettungsdienst (vielleicht ja sogar den Maltesern?!) in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht werden. Dort findet eine Untersuchung statt, es werden Medikamente gespritzt, ein EKG geschrieben, das Blut untersucht… Danach erfolgt die Verlegung auf eine Station, und der Genesungsprozess kann beginnen…

Aber wie lief das im 12ten bzw. 13ten Jahrhundert?
Vorab kann man sagen, daß es außerordentlich fortschrittlich lief. Daß das Hospital zu Jerusalem seinen guten Ruf durchaus zu Recht besaß, und daß, um es auf Medizinerdeutsch auszudrücken, interdisziplinär und kulturübergreifend gearbeitet wurde. Und im Gegensatz zur drückenden Finanzlage der heutigen Kliniken wurde keinerlei Wert auf die Entgelte der erbrachten Leistungen gelegt. Also im Grunde ein paradiesischer Zustand im Vergleich zum Gesundheitssystem der USA!

Aber beginnen wir im 12ten Jahrhundert… Im Heiligen Land:

Das Hospital zu Jerusalem war ein wahres Sammelsurium an Gebäuden. Nicht nur das eigentliche Krankenhausgebäude gab es, auch diverse Lagerhallen, Küchen, Ställe standen auf diesem Gelände.
Über die genaue Aufteilung des Hospitals gibt es verschiedene Aussagen. Fest jedoch steht, daß ca. 2000 Patienten gleichzeitig behandelt werden konnten. Wenn diese Kapazitäten mal nicht mehr ausreichten, also nach einer Schlacht, oder wie man heute im Rettungsdienst sagen würde bei einem ManV (Massenanfall von Verletzten) wurden schlichtweg die Betten der dienenden Brüder im Dormitorium (Schlafsaal) belegt. Die Brüder mussten in diesem Fall eben auf dem Boden schlafen.

Es wird von 5 Sälen berichtet, die insgesamt in 11 Abteilungen, sogenannten Stationen, unterteilt waren. Jeder Station stand ein dienender Bruder als Stationsleitung vor. Ihm waren bis zu 12 Bedienstete unterstellt. In diesem Fall handelte es sich um „Pflegepersonal", welches fest beim Orden angestellt war, aber nicht Teil der eigentlichen Gemeinschaft bildete.
Weiterhin waren Ärzte, Chirurgen und Assistenten angestellt, die ebenfalls ausschließlich für den Orden arbeiteten. Bis zu 40 weitere Arbeitskräfte dienten in den Wäschereien, der Küche und den Ställen.
Es gab eine eigene Apotheke, eine eigene Mühle, ein Badehaus, sowie eine Armenküche für externe Bedürftige, sprich für hungerleidende Menschen, die nicht stationär aufgenommen werden mussten. Ebenfalls war ein Altersheim dem Hospital angegliedert.

Im Bezug auf die anzuwendenden Heilverfahren und Techniken fuhr der Orden eine für diese Zeit im Abendland ganz und gar untypischen Kurs. Man übernahm das Wissen sowohl der griechisch-byzantinischen Medizin, als auch das der arabischen Doktoren. Dazu muss man wissen, daß es im Hochmittelalter nicht sehr weit her war, mit der abendländischen Medizin. Man befand sich im Gegensatz zu anderen Gefilden praktisch in der Steinzeit, während an arabischen Universitäten schon chirurgische Eingriffe am Grauen Star gelehrt wurden. Oder anders ausgedrückt, man fuhr im Orient mit modernen 40tonnern, während wir hier in Deutschland noch Eselkarren belud, aber dazu auch an späterer Stelle mehr.

Werfen wir doch einen Blick auf den Alltag im Hospital.
Alle Stationen wurden täglich von Priestern mit Weihwasser gesegnet. Die Organisation der Station oblag der Stationsleitung. Man würde diesen Bruder wohl heutzutage als PDL (Pflegedienstleitung) bezeichnen. Er war zuständig für die Dienstplangestaltung, also welche Gehilfen Tag- oder Nachtdienst hatten, ihm oblag die Bettenvergabe und er war für den reibungslosen Ablauf des Alltages verantwortlich. Die Gehilfen führten die normalen Pflegetätigkeiten wie Überwachung der Patienten, die Essensausgabe, das Bettenmachen und bei schwerstpflegebedürftigen auch die Fütterung der Patienten durch.
Auch eine Nachtwache gab es. Jeweils zwei Pflegekräfte waren für zwei benachbarte Stationen zuständig. Sie mussten ebenfalls dafür sorgen, daß die Beleuchtung auf den Stationen nie verlosch. Selbige musste von der Dämmerung an, bis zum Tagesanbruch des nächsten Tages brennen.
Die Stationen waren nach Geschlechtern getrennt, und es gab eine Wöchnerinnen Station auf der nur Schwestern beziehungsweise Hebammen ihren Dienst taten.

Ein Abendritual war, daß drei Brüder zur Dämmerung durch die Stationen gingen, in der einen Hand eine Kerze, in der Anderen einen Becher mit Wein, kaltem und warmen Wasser und diese Flüssigkeiten anboten, im Namen des Herren.
Den Ärzten oblag die Morgen- und Abendvisite. Wie man es aus modernen Krankenhäusern kennt, gingen die Doktoren mit jeweils zwei Gehilfen von Bett zu Bett und diktierten die aktuelle Medikation, fühlten den Puls, sahen nach Fieber und stellten den Urinstatus fest. Einer der Gehilfen assistierte dabei, der andere schrieb die Anweisungen akribisch auf.
Die Ärzte waren für die einzelnen Patienten verantwortlich. Und der Orden legte sehr großen Wert darauf, daß sie ausschließlich vom Orden entlohnt wurden. Denn es war jedem Diensttuenden bei empfindlichen Strafen verboten, persönliche Bezahlung, oder gar Gefälligkeiten der Patienten oder deren Angehörigen anzunehmen. Ebenfalls wichtig war dem Orden seine Philosophie, jeden Bedürftigen aufzunehmen, gleich welcher Religion er angehörte, welcher Herkunft oder welchen Standes er war.
Und dieser Service war stets kostenlos. Was nicht hieß, daß nicht so mancher Patient sein Testament auf den Orden umschrieb, oder nach seiner Genesung eine Spende tätigte.
Zur Einrichtung des Hospitals muß man sagen, daß die Hygienischen Bedingungen sehr weit fortgeschritten waren. Jeder Patient bekam ein Einzelbett. Mit Federmatratze und Federdecke, die sogar alle 2 Wochen gewechselt wurden. Das war für die damalige Zeit quasi eine Sensation. Normalerweise kamen nur Fürsten, oder ähnlich hoch gestellte Persönlichkeiten in den Genuss eines solchen Luxus.

In weltlichen Spitälern hingegen war es durchaus üblich, sich das Bett mit einem oder zwei anderen Patienten zu teilen, die nicht unbedingt an der gleichen Erkrankung leiden mussten… Und es wurde nicht auf Federn, sondern auf Stroh gelegen.
Bei der Aufnahme eines neuen Patienten, wurde vorsorglich nach seinem letzten Willen gefragt. Dies mag im ersten Moment verwundern, war aber psychologisch ein guter Schachzug. Oftmals wurde dem sterbenden Patienten erst im dem Moment bewusst, wie schlecht es um sie stand, wenn die Ärzte sich nach seinem letzten Willen erkundigten. Um diesem Schreckmoment vorzubeugen, wurde diese Formalität gleich zu Anfang erledigt.

Jedoch bleibt auch an dieser Stelle zu berichten, daß viele der damaligen Erkrankungen auf den katastrophalen Ernährungszustand zurückzuführen waren.
Chronische Unterernährung führte in der breiten Bevölkerungsschicht dazu, daß ein großer Teil der Patienten in -wie wir heute sagen würden- reduziertem AZ (Allgemeinzustand) im Hospital aufgenommen wurden. Viele Leiden wurden schon durch ausreichende, regelmäßige Nahrungsaufnahme, Hygiene und Bettruhe gelindert, oder verschwanden gar völlig.
Nebenbei wurde im Orden besonderes Augenmerk auf eine ausgewogene Ernährung gelegt. Es wurde ein ausgeglichenes Verhältnis aus Proteinen (Eier, Käse, Fisch, Fleisch-sowohl Geflügel aller Art als auch Lamm und Schwein),
Ballaststoffen(Roggenbrot) und Kohlehydrate(Weißbrot, Mehlspeisen, usw.) gereicht.
Schwer verdauliches, oder gar auftreibendes wie Linsen oder Bohnen waren verboten.

Eine wichtige Quelle nennt uns der Reisebericht eines gewissen Johannes von Würzburg aus dem Jahre 1170, der über das Hospital zu Jerusalem schrieb:

„An die Kirche des heiligen Johannes ist ein Hospital angeschlossen, das in seinen verschiedenen Gebäuden eine sehr große Anzahl an Schwachen und Kranken sammelt, pflegt und wiederherstellt, was einen hohen täglichen Kostenaufwand bedeutet. In der Zeit, in der ich selbst dort war, betrug, wie ich von den dienenden Brüdern selbst erfuhr, die Zahl der Kranken bis zu 2000. Sie waren teilweise so schwer krank, daß manchmal innerhalb eines Tages mehr als 50 Tote hinausgetragen und begraben wurden. Aber immer kamen neue Patienten hinzu, und nahmen deren Plätze ein. Außerdem unterhält dieses Haus außerhalb noch einmal so viele Menschen wie darin mit Lebensmitteln. Es entfaltet eine so unübersehbare Wohltätigkeit dadurch, daß Armen, die um Brot bitten gegeben wird, auch wenn sie außerhalb des Hauses bleiben. So kann die Summen der Ausgaben wohl gar nicht festgestellt werden, selbst nicht von den Verwaltungsbrüdern selbst."

Um jedoch noch einmal auf den medizinischen Standard, der damaligen Zeit im „alten Europa" zurück zu kommen, schockiert ein weiterer Bericht, den ein syrischer Emir von einem arabischen Arzt, christlichen Glaubens bekam. Er schrieb:
„Man brachte einen Ritter mit einem Abszess am Bein zu mir und eine Frau, welche sich im Endstadium der Schwindsucht befand. Dem Ritter legte ich einen Salbenverband an; das Geschwür ging auf und das Bein schwoll ab. Der Frau verordnete ich eine Diät um das Fieber zu senken.

Dann aber kam ein fränkischer Arzt und sagte: Dieser Mann versteht nichts vom Heilen!
Darauf wandte er sich an den Ritter und fragte ihn: Willst Du mit einem Bein leben, oder lieber mit zwei Beinen sterben?
Als der kranke geantwortet hatte, er wolle lieber mit einem Bein leben, befahl der Franke: Schafft mir einen kräftigen Recken mit einer gut geschliffenen Axt herbei!
Alsbald kam der Kämpe mit der Axt. Der Franke legte das Bein des Ritters auf einen Holzklotz und sagte: Schlag kräftig zu, und trenne es sauber ab!"

Dazu möchte ich als kurze Randbemerkung anfügen, daß dieser fränkische Kurpfuscher weder das Wort Anästhesie noch Blutstillung nach der Amputation in irgendeiner Weise in den Mund genommen hat, geschweige denn auch nur einen Gedanken daran verschwendet! Aber weiter mit dem Augenzeugen:

„Vor meinen Augen schlug nun der Recke zu. Da aber das Bein nach dem ersten Schlage noch zusammenhing, schlug er ein zweites Mal zu. Das Knochenmark spritzte und der Ritter verstarb an Ort und Stelle.
Alsdann untersuchte der Franke die Frau und sagte:
Ihr Kopf ist von einem Dämon besessen, der in sie verliebt ist! Man schneide ihr die Haare ab!
So schor man ihr Haar und die Frau begann, sich wieder wie üblich zu ernähren, mit Knoblauch und Senf, was ihr Fieber wieder hochtrieb.
Das beweist, daß der Teufel noch immer in ihrem Kopf sitzt, sagte der Franke und schnitt ihr in Form eines Kreuzes die Kopfhaut bis zum Knochen auf, welchen er mit Salz rieb.
Die Frau verstarb ebenfalls an Ort und Stelle."

Solch Scharlatanerie war im Orden jedoch undenkbar. Vor solchen „Übergriffen" War man im Hospital sicher.
Zu den durchgeführten, und belegten Techniken der Ärzte und Chirurgen gehörten:
• Diverse diätischen Ernährungsformen nach der Viersäfte-Lehre (siehe auch Medizin im Mittelalter)
• Salbenverbände und Umschläge
• Strenge, den damaligen Gegebenheiten entsprechende Hygiene
• Chirurgisches Nähen von offenen Wunden
• Chirurgische Amputationen mit Kauterisierung (Kauter ist ein damals verwendetes Instrument zur Blutstillung Glühendes Stück Metall) der blutenden Gefäße und anschließendem fachgerechtem Wundschluß durch Vernähen des Stumpfes.
• Entfernung von Hämorriden / Behandlung des Grauen Star
• Wunddesinfektion mit Essig
• Als Sedativum (Beruhigungsmittel), bzw. Analgetikum (Schmerzmittel) wurden Schwämme erhitzt, die zuvor in opioidhaltige Flüssigkeiten getaucht wurden.  Patient musste diese Dämpfe inhalieren

Zusammenfassend bleibt zu sagen, daß sich der Patient für damalige Verhältnisse an einem der besten Orte befand. In Heutiger Medizinersprache würde man sagen: Ein Klinikum der Maximalversorgung.
Mit Sicherheit nicht mit den heutigen Standards vergleichbar, aber dennoch für das 12te/13te Jahrhundert ein Meilenstein der medizinischen Infrastruktur.
LuMo2009

Quelle: Ernst Straehle – Die Hospitaliter im Königreich Jerusalem; Weishaupt Verlag

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